Verdun, Dezember 1916.
Im ehemaligen
Kirchenschiff der St.-Nikolaus-Kathedrale roch es nicht nach Weihrauch, sondern
nach süßlicher Fäulnis, Karbol und altem Schweiß.
Die Glasmalereien
waren längst von der Druckwelle zertrümmert worden; anstelle von
Heiligengesichtern blickte der graue, gleichgültige Himmel der Picardie in die
Öffnungen.
Oberarzt
Drosselmeier ging zur Visite. Er war kein gütiger Pate, sondern ein Mechaniker
des Fleisches.
Seine Taschen
waren nicht mit Süßigkeiten gefüllt, sondern mit den „Gaben“ des Krieges:
Gelenkprothesen, Glasaugen und Morphiumampullen.
— Hier ist dein
neues Bein, Soldat, — er warf ein grobes Holzstück auf das Bett.
— Und für dich —
das Vergessen. Er injizierte dem schreienden Artilleristen eine Dosis, und
dieser verstummte.
Drosselmeier war
der Einzige hier, der verstand: Manchmal kann man einen Menschen nicht
reparieren, man kann ihm nur eine andere Realität schenken.
In der Ecke
hinter einem Paravent lag Marie – die Tochter von General Stahlbaum, die unter
den Artilleriebeschuss eines Sanitätszuges geraten war. Das Gangrän stieg
bereits über das Knie hinaus.
Die Sepsis ließ
schwarze Blumen auf den Venen erblühen.
Daneben, auf dem
Nachbarbett, saß Leutnant Nicolas. Ein Granatsplitter hatte ihm das Gesicht
weggerissen.
Drosselmeier
hielt die Reste des Kiefers mit einem komplexen Mechanismus aus Silber und
Kautschuk zusammen.
Eine stramme
Feder hielt den Mund geschlossen, und bei jedem Versuch, ihn zu bewegen,
ertönte ein trockenes Geräusch: Krak-krak.
Akt I.
Schlacht um den Verstand
Nachts stieg
Maries Temperatur auf einundvierzig Grad. Die Grenze zwischen den Welten wurde
dünner.
Die Mauern der
Kathedrale wichen zurück. Der Weihnachtsbaum (in Wirklichkeit ein Haufen
blutiger Mäntel und ein Tarnnetz) wuchs bis in den Himmel und stieß an die
Sterne.
Aus den Ecken
krochen Schatten. Ein Rascheln war zu hören — entweder das Geräusch tausender
kleiner Pfoten oder die Schritte der Sanitäter in Überschuhen.
Ein
siebenköpfiger Schatten näherte sich Marie: Doktor Ratte („Der Mausekönig“),
gekleidet in einen grauen Kittel, mit einer Atemschutzmaske auf dem Kopf, die
der Schnauze eines Nagetiers glich.
Hinter ihm — ein
Gefolge von „Mäusen“ mit glänzenden Nadeln und Skalpellen.
— Wir verlieren
den Druck, — klang es dumpf unter der Maske hervor. — Sofortige Reanimation.
Das wird jetzt weh tun, Fräulein!
In Maries Welt
war dies ein Angriff. Sie wollten sie in den Keller zerren, in die
Feuchtigkeit, in den Schmerz. — Nussknacker!
— schrie sie, und
Leutnant Nicolas erhob sich. In der Realität stieß er im Delirium einen
Instrumententisch um, doch für Marie entblößte er einen Säbel.
Zinnsoldaten —
beinlose Krüppel aus den Nachbarbetten — erhoben sich an den Flanken.
Die Schlacht
begann. Das Klirren von Stahl (Instrumenten), Schreie. Ratte beugte sich über
Marie und setzte die Nadel-Lanze an.
Marie ergriff
eine schwere Wasserkaraffe (ihren Schuh) und schleuderte sie mit Kraft gegen
die graue Maske. Das Glas zerbrach.
Ratte wich zurück
und wischte sich das Gesicht ab.
— Der Puls ist
fadenförmig! Sie gleitet in ein tiefes Koma ab!
Die Ärzte wichen
zurück. Die Mauern des Lazaretts stürzten ein und zerfielen zu Puderzucker. Der
Nussknacker, hochgewachsen und schlank, in einer goldenen Maske, die seine
Entstellung verbarg, reichte ihr die Hand.
— Komm, Marie.
Dorthin, wo es nicht weh tut.
Akt II.
Symptomatik (Das Land des Schnees und der Süßigkeiten)
Sie verließen die
Ruinen der Kathedrale. Großer, grauer, flauschiger Schnee fiel vom Himmel.
Marie lachte und fing ihn mit dem Mund auf.
Der Walzer der
Schneeflocken wirbelte sie umher. Die Musik war wunderschön, kalt und
beunruhigend.
Marie wusste
nicht, dass dies kein Schnee war, sondern Asche, die der Wind von den Feldern
trieb, auf denen hunderte Körper brannten.
Sie ging barfuß
über verbrannte Erde, spürte aber nur die Kühle von Marmor. Die Kälte des Todes
hielt Marie für Ruhe.
Marie und Nicolas
betraten Konfitürenburg. Es war ein steril-weißer Raum, eine absolute Leere.
Hier gab es
keinen Schmerz, aber auch kein Leben. In der Stadt herrschten nur die Rhythmen
von Maries erlöschendem Körper und Bewusstsein, die in Tänze verwandelt wurden.
Plötzlich zerriss
ein trockener, knatternder Rhythmus die Stille, als wären unsichtbare
Kastagnetten aus ihrem Brustkorb ausgebrochen. Tra-ta-ta, tra-ta-ta!
Marie griff sich
ans Herz: Das Schlagen der Kastagnetten kam nicht von außen — es war ihr
eigener Motor, der in Agonie schlug und versuchte, das verdickte, vergiftete
Blut durch die Venen zu pressen.
Ein heißes,
brennendes, rasendes Fieber überrollte sie. Sie wirbelte in diesem wahnsinnigen
Rhythmus, hielt die tödliche Hitze der Sepsis für eine verzehrende spanische
Leidenschaft und tanzte, während sie buchstäblich bei lebendigem Leibe
verbrannte.
Doch kaum hatte
sie sich an dieses Feuer gewöhnt, brach der Rhythmus ab und versank im zähen,
viskosen Summen von Geigen, ähnlich einem monotonen arabischen Gesang.
Das Morphium
gelangte ins Blut. Der Körper, der eben noch leicht war, wurde schwer wie Blei.
Die Realität
verschwamm in öligen, regenbogenfarbenen Flecken, ähnlich dem Film in einer
Tasse abkühlenden Kaffees.
Marie flog nicht
mehr — sie watete durch die Luft, die so dicht geworden war wie süßer,
klebriger Sirup, und versank langsam in einem betäubenden orientalischen
Vergessen.
Unerwartet
schnitt ein gellender, scharfer Pfiff von Flöten durch den zähen Schlummer.
Marie schreckte auf.
Ihre Muskeln
verkrampften sich, das Nervensystem versagte und sandte chaotische Entladungen
in die Gliedmaßen.
Arme und Beine
zuckten in einem unnatürlichen, gebrochenen Rhythmus, doch hier, im Königreich
der Illusionen, schien dieser schreckliche Tick der Agonie wie ein amüsanter
ritueller Tanz einer mechanischen chinesischen Porzellanpuppe.
Sie sprang, den
unsichtbaren Fäden des Schmerzes gehorchend, und verwandelte Krämpfe in eine
bizarre Choreografie.
Und dann ertönte
das Finale. Das Orchester brach in einen unbändigen, anschwellenden russischen
Tanz aus. Eins-zwei-drei-vier! Schneller, noch schneller!
Das Gehirn
feuerte die letzten, stürmischen Salven von Elektrizität ab, bevor es für immer
erlosch.
Marie wirbelte in
einem leuchtenden Strudel des wilden Trepaks, den Kopf zurückgeworfen und vor
Entzücken lachend, ohne zu spüren, wie sich ihr Körper in der fernen,
schmutzigen Realität auf dem Laken in einer letzten, furchtbaren Konvulsion
bog.
Akt III. Pas
de deux und Finale
Stille trat ein,
und daraufhin erfüllte die majestätische Musik des Adagios die Leere. Der
Prinz-Nussknacker trat auf sie zu.
— Sie mich an,
Marie, — sagte er. Er nahm langsam die goldene Maske ab. Marie erwartete ein
Gesicht zu sehen.
Doch unter der
Maske war nichts. Nur ein blendendes, reines weißes Licht. Das Licht absoluter
Ruhe.
Ein Licht, in dem
es kein Gedächtnis gibt, keinen Krieg, kein „Ich“. Sie streckte ihm die Hände
entgegen, bereit, in diesem Licht zu verschmelzen.
Und plötzlich
traf sie ein heftiger Schlag mitten ins Herz, als wäre im Inneren eine
gespannte Saite mit einem Krachen gerissen. Die Musik brach ab. Das Licht
erlosch.
Marie roch
Fäulnis, hörte Stöhnen. Sie lag wieder auf dem Bett.
Über ihr beugte
sich Ratte — nun ohne Maske, ein verschwitzter, müder Mann mit roten Augen. Er
hielt eine Adrenalinspritze bereit.
— Wir holen sie
zurück! — schrie er. — Los! Atme, verdammt noch mal!
Der Schmerz
kehrte zurück. Ein monströser, zerreißender Schmerz in den Beinen, die nicht
mehr da waren. Marie drehte den Kopf. Auf dem Nachbarbett saß Leutnant Nicolas.
Ohne Maske. Sie
sah alles: die zerfetzte Wange, die entblößten Zähne, den Speichel, der auf den
schmutzigen Kragen floss, Entsetzen und Mitleid in seinem einzigen verbliebenen
Auge.
Er lebte. Er war
real und abscheulich in seinem Leiden.
Der Schmerz
brachte Marie ins reale Leben zurück und weckte ihr Bewusstsein. Ratte setzte
die Spritze erneut an.
Ein Stich — und
sie würde hierbleiben. Mit dem Schmerz, mit diesem verstümmelten Leutnant, in
dieser Hölle, aber lebendig.
Drosselmeier
stand im Schatten am Fenster und griff nicht ein. Er sah sie einfach mit seinem
einzigen Auge an und wartete.
Marie sah Ratte
an. Dann den hässlichen Nicolas. Und dann wandte sie ihren Blick dorthin, wo in
der Ecke des Saales noch immer das erlöschende, warme Licht von Konfitürenburg
schimmerte.
Dort wartete der
Prinz, gewebt aus Glanz.
— Nein, — hauchte
Marie nur mit den Lippen.
Sie schloss die
Augen und wandte sich von der Spritze ab, entspannte bewusst die Muskeln. Ihr
Körper brauchte Luft.
Doch Marie atmete
aus und holte nicht wieder Luft. Mit Willenskraft stieß sie Rattes Hand weg.
Piiiiiiiiiiiiiiii...
— piepte das Gerät dünn (oder es klingelte einfach in den Ohren).
Die Ärzte ließen
die Hände sinken.
— Gegangen, —
stieß Ratte aus und warf die Spritze in die Schale.
General Stahlbaum
weinte, das Gesicht in seinen Mantel gedrückt. Drosselmeier trat an Maries
Körper heran. Ihr Gesicht war glatt geworden.
Darauf war jenes
selige Lächeln einer Puppe erstarrt, die es endlich ins oberste Regal des
Ladens geschafft hat, weit weg von Kinderhänden.
Auf dem Nachbarbett weinte der verstümmelte Leutnant schrecklich, mit den Kiefern klappernd. Er blieb in Verdun. Marie aber entschwebte im ewigen Tanz.





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