пятница, 20 февраля 2026 г.

Nussknacker Krakatuk

Verdun, Dezember 1916.



Im ehemaligen Kirchenschiff der St.-Nikolaus-Kathedrale roch es nicht nach Weihrauch, sondern nach süßlicher Fäulnis, Karbol und altem Schweiß.

Die Glasmalereien waren längst von der Druckwelle zertrümmert worden; anstelle von Heiligengesichtern blickte der graue, gleichgültige Himmel der Picardie in die Öffnungen.

Oberarzt Drosselmeier ging zur Visite. Er war kein gütiger Pate, sondern ein Mechaniker des Fleisches.

Seine Taschen waren nicht mit Süßigkeiten gefüllt, sondern mit den „Gaben“ des Krieges: Gelenkprothesen, Glasaugen und Morphiumampullen.

— Hier ist dein neues Bein, Soldat, — er warf ein grobes Holzstück auf das Bett.

— Und für dich — das Vergessen. Er injizierte dem schreienden Artilleristen eine Dosis, und dieser verstummte.

Drosselmeier war der Einzige hier, der verstand: Manchmal kann man einen Menschen nicht reparieren, man kann ihm nur eine andere Realität schenken.

In der Ecke hinter einem Paravent lag Marie – die Tochter von General Stahlbaum, die unter den Artilleriebeschuss eines Sanitätszuges geraten war. Das Gangrän stieg bereits über das Knie hinaus.

Die Sepsis ließ schwarze Blumen auf den Venen erblühen.

Daneben, auf dem Nachbarbett, saß Leutnant Nicolas. Ein Granatsplitter hatte ihm das Gesicht weggerissen.

Drosselmeier hielt die Reste des Kiefers mit einem komplexen Mechanismus aus Silber und Kautschuk zusammen.

Eine stramme Feder hielt den Mund geschlossen, und bei jedem Versuch, ihn zu bewegen, ertönte ein trockenes Geräusch: Krak-krak.




Akt I. Schlacht um den Verstand

Nachts stieg Maries Temperatur auf einundvierzig Grad. Die Grenze zwischen den Welten wurde dünner.

Die Mauern der Kathedrale wichen zurück. Der Weihnachtsbaum (in Wirklichkeit ein Haufen blutiger Mäntel und ein Tarnnetz) wuchs bis in den Himmel und stieß an die Sterne.

Aus den Ecken krochen Schatten. Ein Rascheln war zu hören — entweder das Geräusch tausender kleiner Pfoten oder die Schritte der Sanitäter in Überschuhen.

Ein siebenköpfiger Schatten näherte sich Marie: Doktor Ratte („Der Mausekönig“), gekleidet in einen grauen Kittel, mit einer Atemschutzmaske auf dem Kopf, die der Schnauze eines Nagetiers glich.

Hinter ihm — ein Gefolge von „Mäusen“ mit glänzenden Nadeln und Skalpellen.

— Wir verlieren den Druck, — klang es dumpf unter der Maske hervor. — Sofortige Reanimation. Das wird jetzt weh tun, Fräulein!



In Maries Welt war dies ein Angriff. Sie wollten sie in den Keller zerren, in die Feuchtigkeit, in den Schmerz. — Nussknacker!

— schrie sie, und Leutnant Nicolas erhob sich. In der Realität stieß er im Delirium einen Instrumententisch um, doch für Marie entblößte er einen Säbel.

Zinnsoldaten — beinlose Krüppel aus den Nachbarbetten — erhoben sich an den Flanken.

Die Schlacht begann. Das Klirren von Stahl (Instrumenten), Schreie. Ratte beugte sich über Marie und setzte die Nadel-Lanze an.

Marie ergriff eine schwere Wasserkaraffe (ihren Schuh) und schleuderte sie mit Kraft gegen die graue Maske. Das Glas zerbrach.

Ratte wich zurück und wischte sich das Gesicht ab.

— Der Puls ist fadenförmig! Sie gleitet in ein tiefes Koma ab!

Die Ärzte wichen zurück. Die Mauern des Lazaretts stürzten ein und zerfielen zu Puderzucker. Der Nussknacker, hochgewachsen und schlank, in einer goldenen Maske, die seine Entstellung verbarg, reichte ihr die Hand.

— Komm, Marie. Dorthin, wo es nicht weh tut.


Akt II. Symptomatik (Das Land des Schnees und der Süßigkeiten)

Sie verließen die Ruinen der Kathedrale. Großer, grauer, flauschiger Schnee fiel vom Himmel. Marie lachte und fing ihn mit dem Mund auf.

Der Walzer der Schneeflocken wirbelte sie umher. Die Musik war wunderschön, kalt und beunruhigend.



Marie wusste nicht, dass dies kein Schnee war, sondern Asche, die der Wind von den Feldern trieb, auf denen hunderte Körper brannten.

Sie ging barfuß über verbrannte Erde, spürte aber nur die Kühle von Marmor. Die Kälte des Todes hielt Marie für Ruhe.

Marie und Nicolas betraten Konfitürenburg. Es war ein steril-weißer Raum, eine absolute Leere.

Hier gab es keinen Schmerz, aber auch kein Leben. In der Stadt herrschten nur die Rhythmen von Maries erlöschendem Körper und Bewusstsein, die in Tänze verwandelt wurden.

Plötzlich zerriss ein trockener, knatternder Rhythmus die Stille, als wären unsichtbare Kastagnetten aus ihrem Brustkorb ausgebrochen. Tra-ta-ta, tra-ta-ta!

Marie griff sich ans Herz: Das Schlagen der Kastagnetten kam nicht von außen — es war ihr eigener Motor, der in Agonie schlug und versuchte, das verdickte, vergiftete Blut durch die Venen zu pressen.

Ein heißes, brennendes, rasendes Fieber überrollte sie. Sie wirbelte in diesem wahnsinnigen Rhythmus, hielt die tödliche Hitze der Sepsis für eine verzehrende spanische Leidenschaft und tanzte, während sie buchstäblich bei lebendigem Leibe verbrannte.

Doch kaum hatte sie sich an dieses Feuer gewöhnt, brach der Rhythmus ab und versank im zähen, viskosen Summen von Geigen, ähnlich einem monotonen arabischen Gesang.

Das Morphium gelangte ins Blut. Der Körper, der eben noch leicht war, wurde schwer wie Blei.

Die Realität verschwamm in öligen, regenbogenfarbenen Flecken, ähnlich dem Film in einer Tasse abkühlenden Kaffees.

Marie flog nicht mehr — sie watete durch die Luft, die so dicht geworden war wie süßer, klebriger Sirup, und versank langsam in einem betäubenden orientalischen Vergessen.

Unerwartet schnitt ein gellender, scharfer Pfiff von Flöten durch den zähen Schlummer. Marie schreckte auf.

Ihre Muskeln verkrampften sich, das Nervensystem versagte und sandte chaotische Entladungen in die Gliedmaßen.

Arme und Beine zuckten in einem unnatürlichen, gebrochenen Rhythmus, doch hier, im Königreich der Illusionen, schien dieser schreckliche Tick der Agonie wie ein amüsanter ritueller Tanz einer mechanischen chinesischen Porzellanpuppe.

Sie sprang, den unsichtbaren Fäden des Schmerzes gehorchend, und verwandelte Krämpfe in eine bizarre Choreografie.

Und dann ertönte das Finale. Das Orchester brach in einen unbändigen, anschwellenden russischen Tanz aus. Eins-zwei-drei-vier! Schneller, noch schneller!

Das Gehirn feuerte die letzten, stürmischen Salven von Elektrizität ab, bevor es für immer erlosch.

Marie wirbelte in einem leuchtenden Strudel des wilden Trepaks, den Kopf zurückgeworfen und vor Entzücken lachend, ohne zu spüren, wie sich ihr Körper in der fernen, schmutzigen Realität auf dem Laken in einer letzten, furchtbaren Konvulsion bog.


Akt III. Pas de deux und Finale

Stille trat ein, und daraufhin erfüllte die majestätische Musik des Adagios die Leere. Der Prinz-Nussknacker trat auf sie zu.

— Sie mich an, Marie, — sagte er. Er nahm langsam die goldene Maske ab. Marie erwartete ein Gesicht zu sehen.

Doch unter der Maske war nichts. Nur ein blendendes, reines weißes Licht. Das Licht absoluter Ruhe.

Ein Licht, in dem es kein Gedächtnis gibt, keinen Krieg, kein „Ich“. Sie streckte ihm die Hände entgegen, bereit, in diesem Licht zu verschmelzen.

Und plötzlich traf sie ein heftiger Schlag mitten ins Herz, als wäre im Inneren eine gespannte Saite mit einem Krachen gerissen. Die Musik brach ab. Das Licht erlosch.

Marie roch Fäulnis, hörte Stöhnen. Sie lag wieder auf dem Bett.

Über ihr beugte sich Ratte — nun ohne Maske, ein verschwitzter, müder Mann mit roten Augen. Er hielt eine Adrenalinspritze bereit.

— Wir holen sie zurück! — schrie er. — Los! Atme, verdammt noch mal!

Der Schmerz kehrte zurück. Ein monströser, zerreißender Schmerz in den Beinen, die nicht mehr da waren. Marie drehte den Kopf. Auf dem Nachbarbett saß Leutnant Nicolas.

Ohne Maske. Sie sah alles: die zerfetzte Wange, die entblößten Zähne, den Speichel, der auf den schmutzigen Kragen floss, Entsetzen und Mitleid in seinem einzigen verbliebenen Auge.

Er lebte. Er war real und abscheulich in seinem Leiden.

Der Schmerz brachte Marie ins reale Leben zurück und weckte ihr Bewusstsein. Ratte setzte die Spritze erneut an.

Ein Stich — und sie würde hierbleiben. Mit dem Schmerz, mit diesem verstümmelten Leutnant, in dieser Hölle, aber lebendig.

Drosselmeier stand im Schatten am Fenster und griff nicht ein. Er sah sie einfach mit seinem einzigen Auge an und wartete.

Marie sah Ratte an. Dann den hässlichen Nicolas. Und dann wandte sie ihren Blick dorthin, wo in der Ecke des Saales noch immer das erlöschende, warme Licht von Konfitürenburg schimmerte.

Dort wartete der Prinz, gewebt aus Glanz.

— Nein, — hauchte Marie nur mit den Lippen.

Sie schloss die Augen und wandte sich von der Spritze ab, entspannte bewusst die Muskeln. Ihr Körper brauchte Luft.

Doch Marie atmete aus und holte nicht wieder Luft. Mit Willenskraft stieß sie Rattes Hand weg.

Piiiiiiiiiiiiiiii... — piepte das Gerät dünn (oder es klingelte einfach in den Ohren).

Die Ärzte ließen die Hände sinken.

— Gegangen, — stieß Ratte aus und warf die Spritze in die Schale.


General Stahlbaum weinte, das Gesicht in seinen Mantel gedrückt. Drosselmeier trat an Maries Körper heran. Ihr Gesicht war glatt geworden.

Darauf war jenes selige Lächeln einer Puppe erstarrt, die es endlich ins oberste Regal des Ladens geschafft hat, weit weg von Kinderhänden.



Auf dem Nachbarbett weinte der verstümmelte Leutnant schrecklich, mit den Kiefern klappernd. Er blieb in Verdun. Marie aber entschwebte im ewigen Tanz. 

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